Exkursionen

Die Exkursionen des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel haben die Studierenden in den letzten Jahren nach Amsterdam, Wien, Krakau und Prag geführt. Das ZJS plant auch in Zukunft, jährlich eine Studienfahrt zu organisieren - geplant sind Reisen nach Israel (2014) und Berlin (2015). Hier können Sie eine Auswahl von Reiseberichten zu unseren Exkursionen finden.

Exkursion nach Amsterdam: "Spinoza, Grachten, Anne Frank. Judentum und Jüdisches in Amsterdam", 2013


„Die Stadt Amsterdam giebt ein solches Beispiel, welche zu ihrem grossen Wachsthum und zur Bewunderung aller Völker die Früchte dieser Freiheit geniesst. Denn in diesem blühenden Staat und vortrefflichen Stadt leben alle Völker und Sekten in höchster Eintracht, und will man da sein Vermögen Jemand anvertrauen, so fragt man nur, ob er reich oder arm sei, und ob er redlich oder hinterlistig zu handeln pflege; im Uebrigen kümmert sie die Religion und Sekte nicht, weil vor dem Richter damit nichts gerechtfertigt oder verurtheilt werden kann, und selbst die Anhänger der verhasstesten Sekten werden, wenn sie nur Niemand verletzen, Jedem das Seinige geben und ehrlich leben, durch das Ansehn und die Hülfe der Obrigkeit geschützt.“

Dieses Loblied auf die Stadt Amsterdam, die das Ziel der Exkursion des Zentrums für Jüdische Studien im Frühjahrssemester 2013 war, schrieb kein geringerer als der bedeutende jüdische Philosoph Baruch de Spinoza in der Theologisch-­politischen Abhandlung (1670), ein Werk, das vier Jahre  nach  seinem  anonymen Erscheinen verboten  wurde. Der Frage, ob die Völker tatsächlich so „einträchtig“ nebeneinander lebten und ob die Religion wirklich „nicht kümmerte“, ist eine Gruppe von 16 Studierenden unter der Leitung von Erik Petry und Stefanie Mahrer während einer Woche nachgegangen – unterbrochen nur von den Feierlichkeiten um die Krönung des neuen Königs der Niederlande, die just in die Exkursionswoche gefallen ist.

In einer Exkursion geht es bekanntlich nicht in erster Linie darum,  neues  Wissen anzuhäufen und  durch  Führungen  mehr  Fakten  zu  erfahren  –  dazu  haben die  Studierenden im Vorfeld in Blocktagen die  Referate  vorbereitet  –  vielmehr geht  es  darum,  zu  sehen, wie Geschichte erzählt wird, von wem sie erzählt wird und wie sie zur Darstellung gebracht wird. Erik Petry hat dies in der tachles Sonderausgabe 2011 mit „lernen am Ort und lernen durch den Ort“ beschrieben. Was dies für die eingangs gestellte Frage des friedlichen Zusammenlebens der Religionen bedeutet, illustriert das folgende Beispiel.

Seit der Frühen Neuzeit gab es in Amsterdam zwei grosse jüdische Gemeinschaften, die sephardische und die aschkenasische. Die sephardischen Juden machten die Oberschicht aus, sie galten als integriert und als wirtschaftlich wichtiger Teil der Stadt; die aschkenasische Gemeinde, deren Synagogen in unmittelbarer Nähe der sephardischen standen, wurden als rückständig, traditionell und arm wahrgenommen. Die Exkursionsgruppe wusste aus ihrer Vorbereitung um die Differenzen zwischen den Gemeinschaften, die zudem am ersten Tag auf dem Spaziergang durch das „Jüdische Amsterdam“ versinnbildlicht wurden – die grossen und repräsentativen Häuser der sephardischen Kaufleute auf der einen Seite und die armen, kleinen und daher nicht mehr vorhandenen Unterkünfte der Aschkenasen auf der anderen.

Die Gruppe besuchte im Laufe der Woche die heutigen jüdischen Gemeinden Amsterdams und hatte die Gelegenheit, je einen Vertreter der aschkenasischen und der sephardischen Gemeinde persönlich kennenzulernen. Während der Sekretär der aschkenasischen Gemeinde die Spannungen zwischen den Gemeinden in der Vergangenheit bestätigte, erzählte uns der Sekretär der sephardischen Gemeinde, dass in der Stadt Amsterdam erstmals sephardische und aschkenasische Juden wieder miteinander in Kontakt kamen, nachdem die Juden nach der Zerstörung des Zweiten Tempels das Land Israel verliessen. Sein Fokus lag also nicht auf den Differenzen, sondern vielmehr sah er den Kontakt als ein Sich-­Schliessen eines Kreises. Das mag die historische Realität romantisierend verzerrt darstellen, aber um die Realität ging es ja gerade nicht.

Das Erzählen der Geschichte und die unterschiedlichen Erzählungen der Geschichte standen im Fokus. Als schwächere Gemeinschaft konnte die aschkenasische Gemeinde mit der Vergangenheit leben, die dominante Gruppe jedoch stellt sich im Sinne einer heute gleichberechtigten Koexistenz und nach den Erfahrungen der Shoah, unter der beide Gemeinschaften gleichermassen zu leiden hatten, versöhnlich dar. Wobei hier wieder zu fragen wäre, inwiefern die geschönte Darstellung der eigenen Vergangenheit eigentlich nicht auch einen (in diesem Falle sephardischen) Machtdiskurs darstellt.

Das zweite zentrale Thema, das die Gruppe beschäftigte, war die Shoah. Der  Rahmen dazu gaben einerseits der Besuch des Anne Frank Hauses und eine Führung in der Schouwburg. Die Hollandsche Schouwburg wurde 1892 als Theater im Zentrum des damaligen jüdischen Quartiers eröffnet. 1942 und 1943 wurde sie jedoch als Deportationszentrum für die jüdische Bevölkerung Amsterdams missbraucht.  Von  dort  aus  wurden die Gefangenen in die Transitlager Westerbork oder Vught und dann weiter in die Vernichtungslager im Osten deportiert. An diese Geschichte und an den Mord an den 104‘000 niederländischen Juden in  der  Schoah  erinnert  die  Ausstellung  und  das Memorial im ehemaligen Theater. Während die Besucher vor dem Anne Frank Haus täglich in einer langen Schlange auf den Einlass warten, finden nur wenige Besucher den Weg in die Schouwburg. Das Mädchen Anne Frank wurde durch ihr Tagebuch, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, zu einer Ikone der Judenvernichtung und das Haus an der Prinsengracht 263, in dem sie und ihre Familie sich versteckten, zu einem der meistbesuchten Museen der Stadt.

Die beiden Häuer, das Anne Frank Haus und die Schouwburg, erinnern an dieselbe Geschichte, jedoch auf sehr unterschiedliche Art. Das Anne Frank Haus lässt die Besucher die Atmosphäre der Räume spüren und lädt im Abschluss vor allem die jüngeren Besucher ein, sich mit den Gefahren von Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung auseinanderzusetzen. Die Schouwburg dient hingegen in erster Linie als Memorial. Eine ewige Flamme und eine Tafel mit den Namen der Ermordeten bieten einen Ort des Gedenkens. Der Besuch der beiden Orte löste unter den Studierenden die Diskussion aus, wie man die Gesichte der Schoah darstellen kann, wie man daran erinnert und inwiefern es zulässig ist, die Lebensgeschichte der Anne Frank als Auslöser zu nehmen, Jugendliche zum Nachdenken über Rassismus und Freiheit anzuregen.

Diese Diskussionen haben gezeigt, dass Exkursionen eine gute Möglichkeit sind, in einer Gruppe über Geschichte und ihre Darstellung nachzudenken. Wenn man mit Menschen ins Gespräch kommt, erfährt man unterschiedliche Versionen derselben  Geschichte, oder eben Geschichten. Die Reise nach Amsterdam, die vierte Studienreise des Zentrums für Jüdische Studien in eine europäische Stadt mit grosser jüdischer Vergangenheit, hat das erneut bestätigt.

Die nächste Exkursion im Frühjahr 2014 führt nach Israel und wird gemeinsam von den Jüdischen Studien, der theologischen Fakultät und dem Seminar für Nahoststudien durchgeführt.

(Text: Stefanie Mahrer)

Exkursion "Das jüdische Wien in der Literatur", 22.-25. April 2012

Vom 22. April bis zum 25. April 2012 führte das Zentrum für Jüdische Studien wieder eine erfolgreiche Exkursion durch – nach Reisen nach Prag und Krakau in den vergangenen Jahren die dritte in ein Zentrum ehemaliger europäisch-jüdischer Kultur. Im Rahmen des Seminars „Das jüdische Wien in der Literatur“ reisten Prof. Alfred Bodenheimer und Dr. Caspar Battegay mit 17 Studierenden nach Wien. Die Exkursion sollte für die Teilnehmenden die österreichische Hauptstadt als historischen Brennpunkt moderner jüdischer und allgemeiner Geschichte und Kultur-­‐ und Religionsgeschichte erfahrbar machen, aber auch die gegenwärtigen Auswirkungen der Geschichte sowie die Gegenwart jüdischen Lebens und jüdischer Religion in Wien vermitteln.

Kaum eine europäische Stadt weist eine so enge Verknüpfung jüdischer Geschichte mit ihrer Bedeutung als Metropole von Kultur und Wissenschaft auf. 140'000 jüdische Österreicherinnen und Österreicher mussten ab 1938 flüchten – ca. 65'000 Menschen, denen ein Flucht nicht gelang, wurden ermordet. Der Fokus lag einerseits auf den Spuren der reichhaltigen und bestens dokumentierten Geistesgeschichte – ein Schlagwort ist hier etwa die Wiener Moderne um 1900, die in ihren literarischen und geistesgeschichtlichen Ausformungen ein zentrales Seminarthema darstellte –, der Rolle Wiens im geographischen Schnittpunkt von „West-­“ und „Ostjudentum“ sowie der Genese des politischen Zionismus, die in Wien wichtige Stationen durchlief.

Als Auftakt führte uns die Kunsthistorikerin Felicitas Heimann-­Jelinek, eine ausgewiesene Kennerin der jüdischen Wiener Geschichte, durch den 2. Stadtbezirk, die so genannte „Mazzes-­Insel“, das Viertel der Juden vor dem Zweiten Weltkrieg und heute wieder Hort einer kleinen, aber gut wahrnehmbaren jüdischen Präsenz. Anhand von Lücken im Stadtbild (die nur durch die sachkundige Führung erkennbar waren) wurde beklemmend deutlich, wie sehr die Geschichte Wiens vom Holocaust geprägt ist.

In den drei Tagen haben wir ausgewählte Museen und Gedenkstätten besucht, die jeweils auch in ihrer Funktion in der Kultur-­ und Gedächtnislandschaft Wien diskutiert wurden. In allen Institutionen trafen wir auch Kuratoren zu Gesprächen. So waren wir im „Schönberg Center“, das ein kleines Museum zu Werk und Leben Arnold Schönbergs sowie ein Forschungsarchiv beherbergt, und im „Sigmund Freud Museum“  in  den  ehemaligen  Wohn-­ und  Arbeitsräumen  des  Begründers der Psychoanalyse. Prof. Martha Keil, Direktorin des Instituts für die jüdische Geschichte Österreichs in St. Pölten, führte uns kenntnisreich durch das von ihr konzipierte „Museum am Judenplatz“, das die lange Geschichte der Juden im mittelalterlichen Wien aufarbeitet. Im Jüdischen Museum Wien wurden wir dann von Dr. Danielle Spera, der Direktorin, begrüßt und erhielten eine Führung durch das Haus, eines der größten Jüdischen Museen Europas.

Die Studierenden konnten auch in Begegnungen und Gesprächen mit Fachpersonen und Personen des kulturellen Lebens die Präsenz des Judentums in Wien aus erster Hand kennen lernen. So trafen wir im legendären Café Prückl den bekannten Schriftsteller, Historiker und Publizisten Doron Rabinovici, der sehr unterhaltsam und informativ über die Verflechtung von Kaffeehauskultur und Geistesgeschichte referierte. Im nicht weniger legendären Café Griensteidl (das Karl Kraus favorisierte) hat uns Marta Halpert empfangen. Halpert ist Wien-Korrespondentin von Focus, langjährige Korrespondentin der Jerusalem Post und anderer renommierter Zeitungen, Leiterin des Wiener Büros der Anti Defamation League sowie Herausgeberin des jährlich erscheinenden Jüdischen Echos. Sie hat vor allem über die Geschichte dieses ungewöhnlichen Periodikums sowie über ihre Ziele damit gesprochen. In diese höchst spannenden Gespräche wurden Fragen aufgenommen, die aus der historischen und literaturwissenschaftlichen Perspektive des Seminars gewonnen wurden. Die Gespräche selber konnten diese Perspektive erweitern und für die Aktualität fruchtbar machen. Hinzu kam auch eine Begegnung mit den Fachkollegen vom Institut für Judaistik der Universität Wien, den Professoren Klaus Davidovicz und Gerhard Langer, die uns Geschichte und Schwerpunkte des Instituts erläuterten. Die Judaistik an der Universität Wien ist in mancherlei Hinsicht Partner der Basler Jüdischen Studien – seit etlichen Jahren in der Europäischen Sommeruniversität in Hohenems, in Zukunft auch bei einem gemeinsamen Doktoratskolloquium.

Neben dem umfangreichen, quasi ‚offiziellen‘ Programm gab es genügend Zeit für individuelle Stadtbesichtigungen und ein gemeinsames Abendessen im Restaurant der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

Einmal mehr zeigte sich, wie hervorragend solche Exkursionen das Studium ergänzen. Die Intensität und Unmittelbarkeit der Erfahrungen stellt sicher eine äusserst wichtige Ergänzung zu den regulären Lehrveranstaltungen dar. Komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge wie etwa das Zusammenspiel verschiedener Akteure in der Gedächtnispolitik Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg konnten nachhaltig vermittelt werden. Das Format der Exkursion soll deshalb auch in Zukunft vom Zentrum für Jüdische Studien angeboten werden. Die nächste Exkursion wird, unter der Leitung von PD Dr. Erik Petry, im Frühjahr 2013 nach Amsterdam führen.

(Text: Caspar Battegay)

Exkursion: "Das jüdische Krakau", 2011

Auch dieses Jahr veranstaltete das Institut für Jüdische Studien wieder eine Exkursion in eine europäische Stadt mit jüdischer Geschichte. Nach Prag im letzten Jahr stand diesmal Krakau auf dem Programm. Geleitet wurde die Exkursion von PD Dr. phil. Erik Petry und Isabel Schlerkmann, welche wegen Forschungsarbeiten für ihre MA‐Arbeit bereits vor Ort war.

Zur Vorbereitung auf die Reise nahmen die Studierenden an einem zweitägigen Workshop teil. Dieser führte mit Referaten und Diskussionen durch die Geschichte der Juden in Polen und speziell in Krakau. Daneben wurden auch Themen wie Erinnerung, Darstellung und die Frage nach einer Kulturrenaissance der Juden in Krakau besprochen. Alles in allem konnte so mit einem grossen Vorwissen in die Exkursion gestartet werden. Dieses sollte nun vor Ort überprüft und ausgebaut werden.

Nach der Ankunft wurde das wunderschöne Krakau zunächst auf eigene Faust von der Gruppe erkundet. Am nächsten Tag begann das offizielle Programm mit einer Führung durch die Altstadt Krakaus. Da die Stadt von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont blieb, konnten viele architektonische und historische Sehenswürdigkeiten bewundert werden, so beispielsweise die Wawel‐Burg, die Tuchhallen aus dem 13.Jahrhundert (wo an den Basarständen auch ein aus Holz geschnitzter Jude gekauft werden konnte) und der mittelalterliche Platz Rynek Glowny. Nach diesem Einstieg in die heimliche Hauptstadt Polens war der nächste Programmpunkt der jüdischen Stadtteil Kazimierz. Das tot geglaubte jüdische Leben in Krakau schien hier gerade wieder neu zu erwachen. In den folgenden Tagen traf die Gruppe denn auch mit den verschiedensten Menschen zusammen, welche sich für das Judentum engagieren.

Dazu stand zunächst ein Besuch in der Remuh-­Synagoge an. Obwohl die kleinste Synagoge von Kazimierz ist sie zugleich eines der Zentren des heutigen religiösen jüdischen Lebens in Krakau. Nach einem Gespräch mit dem Rabbiner wurde auch noch der anliegende alte Friedhof besucht, wo unter anderem der Krakauer Rabbiner aus dem 16. Jahrhundert Mosses Isserle und der Kabbalist Nathan Spira begraben liegen. Der weitere Spaziergang durch Kazimierz führte die Exkursionsteilnehmende, neben der alten Synagoge auch an vielen „jewish style“ Restaurants vorbei und schliesslich zur imposanten Tempel-­Synagoge, wo die bezaubernde Rabbinerin die Gruppe empfing. Abschliessend fand man sich  im JCC dem „Jewish Communtiy Centre“ zu  einem Gespräch mit dem Vorsitzenden des JCC und der anschliessenden Abschlussdiskussion ein. Am Ende dieses Tages blieb der Eindruck, dass das jüdische Leben in Krakau ganz und gar nicht zum Sillstand gekommen ist. Im Gegenteil, von unterschiedlichen Seiten wird auf das Fehlen der jüdischen Bevölkerung reagiert, es wird mit Offenheit, Elan und Freude an einem neuen jüdischen Krakau gearbeitet. Vor allem die Offenheit war beeindruckend, im wortwörtlichen Sinn standen allen Besuchern die Türen offen, auf Sicherheitsvorkehrungen wird verzichtet.

Der zweite Tag führte die Gruppe ins „Centre for Holocaust Studies“, wo eine Mitarbeitende über die aktuelle Präventionsarbeit an polnischen Schulen informierte. Obwohl viele Polen sich nach wie vor schwer täten in der kritischen Hinterfragung der eigenen Geschichte, sei der Antisemitismus heute in Polen weitgehend aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Zu  weiteren  lehrreichen  Gesprächen kam es auch im „Galicia Jewish Musesum“,dem „Centrum Judaica“ und schliesslich mit Studierenden der Jewish Studies des „Centre for the Study of the History and Culture of the Jews“. Obwohl der Tag mit den vielen Gesprächen und Informationen eigentlich hätte anstrengend sein sollen, überwog doch der überaus positive Eindruck einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Judentum.

Am dritten Tag der Exkursion stand die Kehrseite der lebendigen jüdischen Kultur, nämlich ihre Vernichtung auf dem Programm. Dazu standen die Besichtigung von Auschwitz I und II, sowie später der Besuch des „Auschwitz Jewish Centre“ und ein Rundgang (welcher den Exkursionsteilnehmerinnen und Exkursionsteilnehmern dank des reizenden Mitarbeiters des „Auschwitz Jewish Centre“ wohl noch auf ewig in Erinnerung bleibt) durch die Stadt Auschwitz (Oswiecim) und durch den jüdischen Friedhof an. Neben dem Erleben dieser Orte, die zum Inbegriff für die Shoah geworden sind, wurden auch Themen wie die Darstellung, Präsentation und Erinnerungskultur analysiert und besprochen.

Der letzte Tag der Exkursion widmete sich wieder der Stadt Krakau. Nach einem Morgenspaziergang entlang der Weichsel, der einen neuen Blick auf die Königsstadt öffnete, führte der Weg auf den Umschlagplatz des Krakauer Ghettos im Stadtteil Podgórze. Neben den vielen kleineren Schilder und Orte, die über die Stadt verteilt sind, war das gross angelegte Denkmal mit den übergrossen Stühlen, Teil der Erinnerung-­ und Gedenkkultur, welche die Gruppe untersuchen wollte. Dazu gehörte auch das Wiedererkennen eines Innenhofs, welcher als Kulisse in Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ vorkommt. Die Fabrik von Oskar Schindler sowie das dazugehörige Museum liessen man sich natürlich nicht entgehen.

Besonders in Erinnerung blieb der Vortrag vom Gründer des „Jewish Cultural Festivals“ Janusz Makusch, welches jährlich in Kazimierz stattfindet und weltweit das grösste seiner Art ist. Vor der Reise standen viele Teilnehmende diesem Festival eher kritisch gegenüber. Das Erleben dieser Stadt, ihr liebevoller Umgang mit der jüdischen Vergangenheit, sowie das echte Anliegen und Interesse an einer lebendigen jüdischen Gesellschaft in Krakau, haben jedoch zum Umdenken angeregt. Das „Jewish Cultural Festivals“ wirkte in diesem Kontext gar nicht mehr künstlich oder nur auf kommerzielle Ziele ausgerichtet. Es erschien viel mehr als ein Teil dieser aktiven und auf die positive Zukunft gerichteten Bestrebungen und der Aufbruchstimmung die überall zu spüren war. Eine Studentin der Jewish Studies in Krakau bemerkte sogar, dass sie auf Grund der tollen Eindrücke auf dem Festival ihr Studienfach gewählt hatte.

Diese Exkursion war für alle Exkursionsteilnehmende ein sehr eindrückliches Erlebnis, dass zeigte, dass die erlebte Realität ganz anders sein kann als das Bild, welches durch die Lektüre über einen Ort und dessen Geschichte entsteht. Das jüdische Krakau schien sich so schnell zu entwickeln, dass die direkten Begegnungen und Gespräche mit den Menschen allen Exkursionsteilnehmenden die aufschlussreichsten Erkenntnisse brachten.

(Text: Catrina Langenegger)

Exkursion "Das Jüdische Prag", 24.-27. Mai 2010

Im Mai diesen Jahres führte Prof. Dr. Alfred Bodenheimer zusätzlich zur semesterbegleitenden Vorlesung „Das jüdische Prag“ eine Gruppe Studierender nicht nur literarisch, sondern auch physisch durch die tschechische Hauptstadt.

Die teilnehmenden Studierenden wählten vorab ein Thema rund um „das Jüdische Prag“, mit dem sie sich intensiv auseinandersetzten und damit in Prag als Experten fungierten. Mit dem selbstgewählten Thema wurde jeweils ein bestimmter Ort verknüpft, so dass sich die Gruppe mittels der Referate durch die Metropole bewegte.

Das Jüdische Prag spielte sich vor allem in dem Viertel Josefov ab, in dem heute noch sieben Synagogen und der alte Friedhof zu besichtigen sind. Etliche Souvenirshops, Cafés und Restaurants haben in den letzten Jahren das boomende Interesse an der jüdisch-tschechischen Geschichte in ihrem Dekor aufgenommen. Kafka und der Golem sowie dessen Schöpfer Rabbi Löw stehen bei dieser Kommerzialisierung deutlich im Mittelpunkt, sind aber auch als Teil einer Prager Identität zu verstehen.

Die Gruppe besichtigte alle Synagogen in der Altstadt; heutzutage finden nur noch in zwei von ihnen Gottesdienste statt. Besonders wichtig ist die Alt-Neu Synagoge, welche Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut wurde und heute die älteste erhaltene Synagoge Europas ist. Hier soll auch der Sage nach der Golem auf dem Dachboden versteckt liegen. Ein weiteres wichtiges Referatsthema war das ehemalige „Jüdische Zentralmuseum“, welches von den Nationalsozialisten als Dokumentation einer vernichteten „Rasse“ geplant worden war. Für die Auswahl der Gegenstände und die Archivierung spannten sie Juden ein, die so für kurze Zeit scheinbar der Vernichtung entgehen konnten. Auch wenn die jüdischen Mitarbeiter eine überraschend hohe Freiheit bei der Materialzusammenstellung hatten, griffen die Nationalsozialisten hie und da ein, um ihre Sicht auf die Dinge durchzusetzen. Dies geschah beispielsweise bei einer Schächtszene, die besonders grausam dargestellt werden sollte. Nach dem Krieg wurde das Museum in seiner Form beibehalten, in die Maisel-Synagoge verlegt und übernimmt dort heute die Funktion eines Mahnmals.

Weitere Themen waren der jüdischen Friedhof, wozu in der Vorlesung Wilhelm Raabes „Holunderblüte“ gelesen wurde, und die Geschichte von Rabbi Löw, der aus Ton ein Wesen, den Golem, erschuf. Anfangs war er ein treu ergebener Diener, bis er entdeckt, dass er menschliche Gefühle hegt und Rabbi Löw die Kontrolle über ihn verliert.

Rainer Maria Rilke in Prag und die „Herderblätter“ waren weitere literarische Auseinandersetzungen, welche in den Referaten behandelt wurden. Zusätzlich konnte die Gruppe die Franz Kafka Gesellschaft besuchen, welche die Bibliothek des Schriftstellers originalgetreu nachgebaut hat, in dem Bücher der gleichen Ausgabe, wie sie Kafka besass, zusammengetragen wurden.

Durch Referate über die berühmte Karlsbrücke und den Stadtteil Hradschin erfuhren wir auch wesentliches über die Stadtgeschichte Prags. Als einen „krönender Abschluss“ trafen wir den amtierenden  Oberrabbiner Sidon. Während des beeindruckenden Besuchs erfuhren wir  über das heutige Prager Judentum und hatten die Möglichkeit, an einem Gottesdienst teilzunehmen.

Es war eine rundum gelungene Exkursion, sowohl aus wissenschaftlicher wie auch aus gemeinschaftlich-gruppendynamischer Sicht.

(Text: Melissa Dettling und Isabel Schlerkmann)