Forschung

Forschungsschwerpunkte des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel

Jüdische Studien sind in Basel kulturwissenschaftlich und konsequent interdisziplinär angelegt. Der zeitliche Schwerpunkt liegt in der Moderne. Die Forschungen des Zentrums richten sich im Allgemeinen auf eine Phänomenologie der Diaspora und eine Erkundung der Transformation der Tradition seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts und fokussieren primär auf die wechselnden Selbstwahrnehmungen und Selbstdeutungen des Judentums in verschiedenen Kontexten.

Die wissenschaftlichen Schwerpunkte ergeben sich aus der bifakultären Verfassung des Zentrums und der doppelten, theologischen und philosophisch-historischen, Ausrichtung des Lehrstuhls für Literaturen und Religionsgeschichte des Judentums (Alfred Bodenheimer). Die im Folgenden aufgezählten Schwerpunkte überschneiden sich teilweise und sind nicht hierarchisch angeordnet.

Literatur, Geschichte, Identität

Ein wichtiger Schwerpunkt liegt in der Erforschung primär säkularer europäisch-jüdischer Literaturen. Dabei spielt vor allem die deutsch-jüdische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle, wobei auch aktuellen kulturellen Diskursen in Nordamerika, Israel und Europa große Aufmerksamkeit geschenkt wird. In der historischen Perspektive liegt der Fokus insbesondere auf marginalen Figuren der jüdischen Geistesgeschichte und auf der Verbindung von Literatur/Literarizität und historischen Entwicklungen. Exemplarisch dafür sind zwei Habilitationsprojekte, die sich unter anderem mit intellektuellen Biographien zweier bisher vernachlässigter Gestalten der jüdischen Geistes- und Literaturgeschichte, dem Verleger Salman Schocken (Stefanie Mahrer) und dem Publizisten und Philosophen Nathan Birnbaum (Caspar Battegay) befassen.

In der Annahme, dass sich der Komplex Judentum in der Literatur nicht nur äußert, sondern sich gerade literarisch konstituiert („Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen!“), wird Literatur nicht nur als Kunst des Erzählens und Dichtens verstanden, sondern als Paradigma jüdischer Identitätsentwürfe. In diesem Zusammenhang steht auch ein Dissertationsprojekt zur zeitgenössischen amerikanisch-jüdischen Literatur und der Suche nach jüdischer Identität (Deborah Ferjencik).

Geschichte, Jüdische Geschichte der Schweiz

Das Zentrum für Jüdische Studien ist seinem Standort sehr verpflichtet. Ein besonderer Forschungsschwerpunkt liegt deshalb auch in der Erforschung jüdischen Lebens und Wirkens in der Schweiz. Beispielhaft stehen dafür die 2012 erschienene Geschichte der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (hg. von Alfred Bodenheimer), die ebenfalls 2012 publizierte sozialhistorische Dissertation zu den jüdischen Uhrenmachern im Jura von Stefanie Mahrer oder ein laufendes Dissertationsprojekt zur Biographie David Frankfurters, der 1936 einen führenden Schweizer Nationalsozialisten ermordet hatte (Sabina Bossert).

Angestrebt ist auch eine Verknüpfung des jüdischen Raumes Schweiz mit anderen jüdischen Lebenswelten. Durch Migration und Transmigration ist die Schweiz Teil nicht nur Teil der allgemeinen, sondern auch der jüdischen Weltgeschichte, wie es ein Habilitationsprojekt zur „Weltsprache Jiddisch“ exemplarisch aufzeigt (Tamar Lewinsky).

Jiddisch, jüdische Moderne

Ein größeres Forschungsprojekt mit zwei Teilprojekten widmet sich jiddischen Druckwerken aus Basel in der Frühen Neuzeit. Damit wird einerseits die Geburt einer Jiddisch sprechenden Öffentlichkeit um 1600 beschrieben, der Anbruch der jüdischen Moderne, andererseits wird auch die Bedeutung Basels für die jüdische Geistesgeschichte dargelegt (Regula Tanner, Clemens Sidorko). Der Transfer von Personen, Ideologien und Texten und das damit verbundene Gewebe philologischer, soziologischer, historischer und philosophischen Problemfeldern ist auch wichtig im oben erwähnten Projekt zur „Weltsprache Jiddisch“.

Politik, Gedächtnis, Geschichte, Identität

Ebenfalls ein besonderes Gewicht haben die Geschichte des Zionismus und die damit verbundenen Umbrüche in der jüdischen Geschichte. Beispielhaft für solche Untersuchungen ist das historische Dissertationsprojekt von Johanna Kupczyk zu Posener Juden im deutschen Kaierreich. Eine zentrale Frage ist dabei auch, wie sich das Phänomen Zionismus in individuellen Lebensschicksalen widerspiegelt. Die Frage nach dem Gedächtnis und der Tradierbarkeit, wie sie Erik Petrys abgeschlossene Habilitation zu jüdischen Immigranten in Zürich angegangen ist, ist dabei ebenso wichtig, wie die Frage nach einer Politik des Gedächtnis, die sich etwa in der Umwandlung und Etablierung von jüdischer/israelitischer Identität in Äthiopien und anderer Länder Afrikas unter dem Einfluss christlicher Missionare zeigt (Daniel Lis). In diesen Kontext globaler jüdischer Identitäten und Identitätspolitiken im Wandel gehört auch ein Dissertationsprojekt von Janine Tornow zur Selbstwahrnehmung von Mizrahim (arabischen Juden) in Israel.